Nach einem langen “Fahr-Tag” sind wir froh, als wir am Abend des 5. Juni endlich die Nazca Lodge erreichen, eine für Südamerika typische Einrichtung mit Pool, in der man tagsüber entspannen, baden, essen und trinken oder auch gut feiern kann. Enrique, der Besitzer der Lodge, hat ein paar Stellplätze für Overlander eingerichtet und empfängt uns sehr herzlich. Er hat auch eine kleine Reiseagentur und kann uns so am nächsten Tag, bei bestem Wetter, sehr spontan noch einen Flug über die Nasca Linien organisieren.
Die Nasca Linien sind Geoglyphen, die von ca. 200 vor bis 600 nach Christus von Menschen in den Wüstenboden gearbeitet wurden. Steine wurden nach bestimmten Mustern vom Boden entfernt und auf dem helleren Untergrund entstanden dadurch (nur) aus der Luft erkennbare Formen. Ein Mysterium, das bis heute noch immer nicht vollkommen verstanden wurde.
Bevor wir ins Flugzeug steigen “dürfen”, besteht Enrique aber darauf, uns noch eine kleine “Vorlesung” über die Nasca Linien zu geben. Am schönen Pool wird eine große Schautafel aufgebaut und kurze Zeit später sitzen wir auf zwei Stühlen davor und Enrique legt los.

Eine Stunde vergeht wie im Flug und wir lernen viel über die Geschichte Perus, die Kulturen vor der Inka-Zeit und die Entdecker der Nasca Linien. Die wohl bedeutendste ist Maria Reiche, eine Mathematikerin aus Dresden, die nach dem zweiten Weltkrieg mit unglaublichem persönlichen Einsatz die ersten Figuren im Wüstenboden entdeckte und den Rest ihres Lebens der Erkundung der Linien widmete. Mit einer Standleiter und einem Besen zog sie Jahrelang durch die Wüste und man bezeichnete sie hinter ihrem Rücken als verrückte Hexe. Es grenzt tatsächlich an Hexerei, dass einige der Nasca-Zeichnungen nur mit neun Fingern kreiert wurden, und auch Maria Reiche eine Fingerkuppe durch eine Infektion verloren hatte. Einige der Geoglyphen wurden leider erst sehr spät erkannt, und so führt heute der Panamericana Highway durch den Schwanz der Eidechse …

Bis heute gibt es viele Theorien, welchen Zweck die Nasca Linien für die Menschen vor über 2000 Jahren hatten. Eine der verrücktesten ist wohl die von Erich von Däniken, der die Kreation der Linien Außerirdischen zuschreibt. Die neueste These liefert Markus Reindel, ebenfalls ein Deutscher, der davon ausgeht, dass die Linien zu rituellen Zwecken angelegt wurden. Die Menschen baten die Götter um lebensnotweniges Wasser, indem sie entlang der Linien liefen, und Opfer brachten. An einigen Figuren hat man Überreste von solchen Ritualen gefunden und man kann sogar teilweise noch einen “Eingang” und einen “Ausgang” in den Linien erkennen.

Mit so vielen Informationen gerüstet, war der Flug über die Wüste ein noch schöneres Erlebnis. Die nette Co-Pilotin hat uns während des Fluges zum Glück Orientierungshilfen gegeben, damit wir die Linien aus der Luft auch gut erkennen können. Von da oben sind sie nämlich gar nicht mehr so einfach zu lokalisieren. Außerdem hat man nur kurz Zeit, um nach unten zu schauen, bevor der Pilot das kleine Flugzeug wieder um 180 Grad schwenkt, damit die Fluggäste auf der anderen Seite hinunterschauen können. Definitiv nichts für schwache Mägen. Daniel und ich halten durch, aber eine der drei anderen Fluggäste musste sich auf halber Strecke übergeben. Sie repräsentiert wohl ganz gut den Schnitt, der 20% Menschen, die dieses Erlebnis weniger positiv in Erinnerung behalten.
Den Rest des Tages verbringen wir alleine am wunderschönen Pool der Nazca Lodge und gönnen uns seit langem mal wieder einen Pisco Sour bzw. Maracuja. Abends sitzen wir mit Enrique am Feuer und bekommen eine weitere Lektion in der wir die “wahre Geschichte” zur Herkunft des Piscos kennenlernen. In Chile hatten wir ja schon eine andere Versionen gehört 🙂




Am nächsten Morgen verlassen wir Nasca auf dem Panamericana Highway. Uns fällt auf, dass wir noch nicht wirklich viele Kilometer auf dieser Straße hinter uns gebracht haben. Irgendwie sind wir immer wieder rechts und links davon abgekommen 😉
Wir halten wenig später am Aussichtsturm, den wir am Vortag aus der Luft gesehen hatten und betrachten einige der Figuren noch einmal aus einer anderen Perspektive. Von hier aus kann man das Konzept der Geoglyphen verstehen und einen Eindruck von der Dimension der Linien bekommen, aber es ist nicht vergleichbar mit dem Erlebnis, das wir beim Fligen erfahren durften.
Wir fahren weiter in Richtung Pazifik und vorbei an einigen Vorgängern der Nasca Linien, die die Menschen der Paracas Kultur noch vor den Nascas in die umliegenden Felsen gearbeitet hatten. Diese kann man auch von Land aus ganz gut erkennen. Ein netter Abschluss zum Thema Geoglyphen für uns.